Angiotensin Rezeptorblocker und Krebsrisiko

Angiotensin Rezeptorblocker und Krebsrisiko

Sartane sind AT1-Antagonisten (Angiotensin-Rezeptorblocker, ARB) und entfalten durch Verdrängung von Angiotensin II am AT1-Rezeptor ähnliche Wirkungen wie ACE-Hemmer, die das Konversionsenzym zur Bildung von Angiotensin II aus Angiotensin I hemmen. Über den AT1-Rezeptor werden die wichtigsten physiologischen Wirkungen von Angiotensin II wie Vasokonstriktion, Aldosteronstimulation, Regulation der Salz- und Wasserhomöostase sowie Stimulation des Zellwachstums vermittelt. Die unerwünschten Arzneimittelwirkungen von ACE-Hemmern wie Reizhusten und Angioödem, die mit dem Einfluss auf den Bradykininstoffwechsel in Zusammenhang stehen, treten unter Sartanen seltener auf (1).

Sartane sind zur Behandlung der arteriellen Hypertonie zugelassen. Einige Vertreter dieser Gruppe haben außerdem Zulassungen zur Behandlung der Herzinsuffizienz oder zur Behandlung der Nierenerkrankung bei Patienten mit Hypertonie und Diabetes mellitus Typ 2. Für Telmisartan besteht eine Zulassung zur kardiovaskulären Prävention bei Patienten mit manifester atherothrombotischer kardiovaskulärer Erkrankung. Derzeit stehen sieben Sartane zur Verfügung, die sich vor allem hinsichtlich ihrer Halbwertszeiten und des Anteils der renalen Elimination unterscheiden. Aufgrund des fehlenden Nachweises einer überlegenen Wirksamkeit gegenüber ACE-Hemmern und der deutlich höheren Kosten sind Sartane aus Sicht der AkdÄ nur dann indiziert, wenn eine Hemmung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) therapeutisch erforderlich ist, aber ACE-Hemmer z. B. wegen Reizhustens nicht vertragen werden.

Als unerwarteter Befund zeigte sich in der CHARM-Studie, die Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz untersucht hat, eine höhere Zahl von tumorassoziierten Todesfällen in der mit Candesartan behandelten Gruppe gegenüber der Placebogruppe, die von den Autoren zunächst als Zufall bewertet wurde (2). Aus experimentellen Untersuchungen gibt es Hinweise auf eine Rolle der Angiotensin-II-Rezeptoren Typ 1 und 2 (AT1R und AT2R) in der Regulierung von Zellproliferation, Angiogenese und Tumorprogression (3). Angeregt von dieser Konstellation und da inzwischen weitere Daten aus großen Studien mit Sartanen vorliegen, hat eine US-amerikanische Gruppe eine Metaanalyse zum Auftreten von Tumoren im Zusammenhang mit der Gabe von Sartanen durchgeführt (4).

Berücksichtigt wurden randomisierte kontrollierte Studien zu Sartanen mit mindestens 100 eingeschlossenen Patienten und einer Beobachtungszeit von mehr als zwölf Monaten. Daten zum Neuauftreten einer Tumorerkrankung waren für 61 590 Patienten aus fünf Studien verfügbar, Daten zu häufigen soliden Tumoren für 68 402 Patienten aus fünf Studien und Daten zu tumorassoziierten Todesfällen für 93 515 Patienten aus acht Studien.

Das Risiko des Neuauftretens eines Tumors war bei Patienten, die mit einem Sartan behandelt wurden, gegenüber Placebo signifikant erhöht (7,2 vs. 6,0 %; Risk Ratio [RR] 1,08; 95 % CI 1,01–1,15; p = 0,016). Eine signifikante Risikoerhöhung zeigte sich auch dann, wenn nur Studien einbezogen wurden, in denen das Auftreten von Tumoren als ein Endpunkt im Studienprotokoll festgelegt war („vordefinierter Endpunkt“). In den Studien mit Auftreten von Tumorerkrankungen als vordefiniertem Endpunkt war überwiegend Telmisartan das untersuchte Studienmedikament (bei 30 014 Patienten, dies entspricht 85,7 %). Den größten Zuwachs an Risiko bringt in die Metaanalyse als einziges signifikantes Teilergebnis der Vergleich des „Ramipril“-Armes mit dem „Telmisartan+Ramipril“-Arm der ONTARGET-Studie (Risk Ratio 1,13; p = 0,011), während die Risikoerhöhung durch Telmisartan allein im Vergleich zu Ramipril allein deutlich geringer ist (Risk Ratio 1,04; p = 0,417). Anzumerken ist, dass es nicht ohne weiteres zulässig ist, die Kombination von „Telmisartan plus Ramipril“ pharmakologisch-toxikologisch als Sartan einzuordnen. Daher ist es fraglich, ob die Daten dieses Studienarms – in der Weise wie geschehen – in die Metaanalyse hätten eingehen dürfen.

Wenn entsprechend den hauptsächlich in den Studien eingeschlossenen Altersgruppen (65 bis 69 Jahre) eine Hintergrundinzidenz für Tumorerkrankungen von 2,2 Fällen pro 100 Menschen pro Jahr zugrunde gelegt wird, so lag die mittlere Tumorinzidenz in der Nachbeobachtungszeit der ausgewerteten Studien (im Mittel vier Jahre) mit 6,0–7,2 % eher etwas niedriger als erwartet. Bezogen auf einzelne solide Tumoren war nur das Lungenkrebsrisiko unter Sartanen gegenüber Placebo erhöht (0,9 vs. 0,7 %; RR 1,25; CI 1,05–1,49; p = 0,01).

Zusammenfassend zeigte sich in dieser Metaanalyse aller öffentlich zugänglichen randomisierten Studien zu Sartanen, in denen Daten zum Neuauftreten von Tumorerkrankungen erfasst wurden, ein geringes, statistisch signifikant erhöhtes Risiko von Krebserkrankungen bei Gabe eines Sartans. Die Metaanalyse hat neben der oben dargestellten Problematik der Einbeziehung des Studienarms mit der Kombination Telmisartan plus Ramipril einige weitere Einschränkungen, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen. Die eingeschlossenen Studien sind nicht zur Untersuchung des Krebsrisikos konzipiert worden, daher wurden die Angaben zu aufgetretenen Krebserkrankungen nicht einheitlich erfasst. Da die Autoren keinen Zugang zu individuellen Patientendaten hatten, waren keine Analysen möglich zur Latenz zwischen Beginn der Medikation und Auftreten der Krebserkrankung sowie zu individuellen Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht und Raucherstatus. Auch eine Schlussfolgerung zum Risiko einzelner Sartane lässt sich anhand der Daten nicht ziehen. Da die Analyse stark durch ein Sartan (Telmisartan) bzw. seine Kombination mit Ramipril bestimmt ist, scheint es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreichend gesichert, von einem Gruppeneffekt der Sartane zu sprechen.

Um die Kausalität einer statistischen Beobachtung bewerten zu können, ist die biologische Plausibilität des Befundes zu diskutieren. Sipahi et al. weisen in der Diskussion ihrer Ergebnisse auf experimentelle Studien zur Beteiligung des Renin-Angiotensin-Systems (RAS) an der Regulation von Zellproliferation, Tumorwachstum, Angiogenese und Metastasierung hin. Blockade des Angiotensin-Rezeptors 1 (AT1R) durch Sartane soll zu einem Überwiegen der Rezeptor-2-(AT2R)-Aktivierung und dadurch zu erhöhter Tumorangiogenese führen. Bei einer vertieften Auseinandersetzung mit der Thematik ergibt sich jedoch ein inhomogenes Bild. In einer von Sipahi et al. zitierten Übersichtsarbeit von Deshayes und Nahmias wird über eine Reihe von meist experimentellen Studien berichtet, in denen AT1-Antagonisten Antitumorwirkungen zeigten (3). Das Gleiche gilt für ACE-Hemmer, die ebenfalls die AT1R-Aktivierung verringern. Weiter wurde bei Personen, die aufgrund eines genetischen Polymorphismus eine hohe ACE-Aktivität aufwiesen, ein höheres Brustkrebsrisiko und stärkere Progression und Metastasierung von Magenkarzinomen gefunden als bei den Vergleichspersonen. Daraus leiten Deshayes und Nahmias die Empfehlung ab, AT1-Antagonisten und ebenso ACE-Hemmer in der Tumortherapie zu erproben. Auch eine Reihe neuerer experimenteller Untersuchungen bestätigt eine hemmende Wirkung von AT1-Antagonisten bei diversen Tumoren (5–10). Ebenso wurden Hinweise auf Antitumorwirkungen beim Menschen gefunden (11–13). Diese Arbeiten reichen nicht aus, um die tumorhemmende Wirkung von AT1-Antagonisten auch beim Menschen zu belegen, sie lassen aber eine tumorfördernde Wirkung als nicht plausibel erscheinen. Auch wenn die Datenlage noch deutliche Lücken und Unsicherheiten aufweist, bietet sie insgesamt keine plausible biologische Basis für die von Sipahi et al. berichtete Zunahme von Krebserkrankungen.

Die Ergebnisse dieser Metaanalyse sollten zum Anlass genommen werden, weitere Untersuchungen zum Krebsrisiko bei Anwendung von Sartanen durchzuführen. Wie von Steven Nissen im gleichzeitig erschienenen Editorial gefordert, ist zunächst eine Analyse aller vorhandenen Daten zum Zusammenhang zwischen Sartanen und Krebserkrankungen durch die Arzneimittelbehörden erforderlich (14). Diese Analyse wurde inzwischen sowohl von der FDA als auch der EMA begonnen (15, 16). Obwohl die hohen Verordnungszahlen von Sartanen in Deutschland für eine breite Anwendung auch bei Patienten sprechen, für die eher ein ACE-Hemmer angemessen wäre (17), ergibt sich derzeit aus Sicht der AkdÄ kein Bedarf, die Empfehlungen für die Verordnung von Sartanen zu ändern. Die AkdÄ möchte die Ergebnisse weiterer Untersuchungen zum Krebsrisiko unter Sartanen zunächst abwarten, um dann eine abschließende Bewertung abzugeben.

Dtsch Arztebl 2010; 107(33): A-1592 / B-1416 / C-1396 Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: UAW-News International AT 1 -Antagonisten (Sartane) und Krebsrisiko

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundesärztekammer Mitteilungen
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin, Postfach 12 08 64, 10598 Berlin, Telefon: 030 400456-500, Fax: 030 400456-555, E-Mail: info@akdae.de, Internet: www.akdae.de

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Umfangreiche Studien beenden Diskussion um Sicherheit
Kein Tumorrisiko durch Drucksenker

KÖLN – Europäische und amerikanische Gesundheitsbehörden haben Entwarnung gegeben. Dies ist der neueste Stand der Dinge zur Frage „Tumorrisiko durch Antihypertensiva?”. Bluthochdruckmittel müssen nicht nur eine geringe Nebenwir-
kungsrate, sondern langfristig auch ein besonders hohes Sicherheitsprofil bieten. Für Aufregung sorgte in den  1970er-, 80er- und 90er-Jahren der Verdacht, Thiazide bzw. Kalziumantagonisten könnten die Malignom-Entstehung begünstigen. Diese Annahme erwies sich jedoch als haltlos, erklärte Professor Dr. MARKUS VAN DER GIBT von der Charite Berlin auf der Hochdruckliga-Tagung.

Im Jahr 2010 flammte die gleiche Diskussion wieder auf, diesmal galt die Sorge den ATi-Antagonisten. In einer Metaanalyse’ hatten Forscher ein geringfügig, aber signifikant erhöhtes Tumorrisiko errechnet. Nachdem jedoch Zweifel an Qualität und Vollständigkeit dieser Daten aufgekommen waren, folgte eine weitere umfangreichere Analyse mit Daten von mehr als 138 000 Patienten, die zu dem Ergebnis kam:

Eindeutig kein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Sartanen und Mali-
gnomen. Eine weitere Metaanalyse mit mehr als 300 000 Teilnehmern kam zum gleichen Resultat.

Dies veranlasste sowohl die amerikanische FDA als auch die Europäische Gesundheitsbehörde (EMA) zum entwarnenden Statement: ATi-Blocker werden ebenso wie andere Antihypertensiva weiterhin als sichere Medikamente eingestuft.

1. Sipahi et al., Lancet Oncol 2010; 11: 627-636;
2. The ARB Trialists Collaboration, J Hypertension 2011; 29:623-635

Reference: Angiotensin Rezeptorblocker und Krebsrisiko